Einwechseln verboten

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Von Wolfgang Jenewein und Felicitas Morhart
28. August 2009

Als Coach des VfB Stuttgart für das Thema Führung und Zusammenarbeit begleiteten ich und meine Kollegin Felicitas Morhart im Juli den Verein in zwei Trainingslager nach Donaueschingen und ins österrreichische Leogang. Der VfB bereitete sich dort jeweils eine Woche lang auf die neue Saison vor. Wir arbeiteten eng mit dem Trainerstab um Markus Babbel und dem Teammanager Horst Heldt zusammen und konnten dabei eine ebenso banale wie eindrückliche Beobachtung machen: Babbel und Rainer Wiedmeyer, die beiden Trainer des Teams, investieren 100 Prozent ihrer Arbeitszeit in die Führung und das Personalmanagement ihrer Mannschaft. Ein ähnlicher Fokus des Leitungsteams fiel uns auch schon während meiner Zusammenarbeit mit dem Schweizer Segelteam Alinghi sowie mit der Deutschen Fussball Nationalmannschaft auf.

Führungskraft: VfB Stuttgarts Trainer Markus Babbel
Corbis

Führungskraft: VfB Stuttgarts Trainer Markus Babbel

Der Mannschaftschef im Spitzensport widmet seine ganze Aufmerksamkeit dem Team und dessen Individuen jeden Tag aufs Neue. Er bespricht schon am frühen Morgen mit dem Trainerstab den Trainingsplan, definiert die Übungseinheiten sowie die individuellen Pläne und Maßnahmen für jeden einzelnen Spieler, stellt Ziel und Zweck des jeweiligen Programms vor und beobachtet anschließend den Trainingsverlauf. Dabei gibt er mit seinen Co-Trainern, dem Torwarttrainer, den Fitnesstrainern, dem Ärzteteam und den Physiotherapeuten ständig Feedback und Unterstützung bei jeder Übungseinheit und jeder Intervention. Er tut dies alles mit dem Ziel, jeden einzelnen Spieler und auch das Kollektiv jeden Tag ein Stück besser zu machen.

Ein solcher Trainer eines Hochleistungsteams würde jedoch niemals auf die Idee kommen, in einem der vielen Trainingseinheiten selbst mitzuspielen oder sich gar in ein Bundesligaspiel einzuwechseln. Seine Aufgabe heißt ausschließlich und in vollem Umfang: Führung und Entwicklung des Teams. Im Spitzensport hat man erkannt, dass Höchstleistung in einem Team von Experten nur entstehen kann, wenn ein Coach beziehungsweise ein ganzes Coachingteam sich ausschließlich um die Mannschaft kümmert, sie anleitet, begleitet, fördert und fordert.

Im Management dagegen beobachten wir in unseren Seminaren und Coachings häufig das genaue Gegenteil: Führungskräfte, die in Forschungs-, Design- oder Entwicklungsabteilungen ebenfalls mit hochgradigen Spezialisten zusammenarbeiten, die auch unter großem Zeitdruck beinahe täglich Topleistung bringen müssen und ähnlich wie Teams im Spitzensport einem gnadenlosen internationalen Konkurrenzkampf ausgesetzt sind.

Im Unterschied zum Trainer im Profifußball ist der Manager eines Spezialistenteams aber überwiegend selbst operativ tätig. Er arbeitet konzeptionell an eigenen Projekten, betreut interne wie externe Kunden, führt Lieferantenverhandlungen oder verliert sich im täglichen Kampf mit dem überlaufenden E-Mail-Account. Das sind größtenteils notwendige und wichtige Aufgaben, nur müssen sie wirklich allesamt vom Chef persönlich erledigt werden? Wäre es nicht bedeutend effektiver, wenn sich der Leader eines Expertenteams überwiegend mit seinen Mitarbeitern beschäftigen würde, ihnen hilft besser zu werden, Konflikte löst, Schnittstellen optimiert, Feedback gibt und Individuen genau dort einsetzt, wo sie ihre größten Stärken haben?

Unsere Beobachtung ist, dass Unternehmen bis heute die Bedeutung von Führung für die Effektivität und Leistungsfähigkeit von Teams, Abteilungen und ganzen Bereichen fundamental unterschätzen. Sie übersehen die riesigen Produktivitätspotenziale, die in einer professionellen und umfassenden Führung solcher Teams liegen, und schöpfen sie nicht aus.

Um in der Sprache des Fußballers zu bleiben: Eine Führungskraft im Unternehmen führt nicht, sie "spielt". Fußballer würden sagen, er oder sie ist ein Spielertrainer, kein Trainer. Im Spitzenfußball gibt es aber auf der ganzen Welt keinen Verein, der in der ersten Liga spielt oder gar Meister mit einem Spielertrainer wurde. Im Fußball hat man erkannt, dass man Höchstleistung über einen langen Zeitraum nur mit einem Chef erzielen kann, der die Führung des Teams nicht nebenbei, und am Ende eines langen operativen Arbeitstages erledigt, sondern seine ganze Aufmerksamkeit auf sein Team richtet. Ihm hilft, besser zu werden und es von seinen Erfahrungen profitieren lässt. Eben ein Chef, der im wahrsten Sinne des Wortes eine Führungskraft ist.

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