Werden Sie radikal!

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Von Dorothee Echter
24. April 2009

Wann haben Sie Ihre Werte verleugnet? Haben gegen Ihre innere Überzeugung entschieden? Ihre Ziele ein wenig umgemodelt? Sich dem Konsens resignierend angeschlossen? Oder gar durch die Verfolgung Ihrer Eigeninteressen dem Unternehmen und den Kollegen geschadet? Fragen über Fragen. Schluss damit! Sie haben Ihre Ideale. Vertreten Sie sie jetzt, und zwar radikal.

Zeit zum Innehalten: Wechseln Sie die Spur, kommen Sie zu sich
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Zeit zum Innehalten: Wechseln Sie die Spur, kommen Sie zu sich

Topmanager sind gerade jetzt den größten kognitiven, emotionalen und physischen Belastungsproben ausgesetzt. Jede Menge widersprüchlicher oder sinnfreier Erwartungen stürmen auf sie ein. Beraterperspektiven, die nach wenigen Tagen überholt sind. Investorenstrategien, die aus der Hilflosigkeit entspringen. Zeitliche Anforderungen, die jeder Vernunft entbehren. Vorstandsziele, die man niemals erreichen kann. Öffentliche Kritik, die Wut und Verachtung ausdrückt. Und vor allem: großer Druck, die eigenen Werte und persönlichen Überzeugungen über Bord zu werfen. Wie erleben Sie diese Zeit?

Ich habe in mehr als drei Jahrzehnten im Management und als Beraterin mit Faszination viele große Karrieren erleben und sehr eng begleiten dürfen. Ich habe sowohl Erfolge wie auch das Scheitern des Topmanagements detailliert analysiert. Mein Fazit: In dieser Krise geschieht etwas Besonderes. Sie hat den Charakter einer Bewährungsprobe für alle Topmanagerinnen und Topmanager. Nur die werden gestärkt aus der Krise hervorgehen, die radikaler denn je an ihre Werte glauben und zu ihren Überzeugungen stehen.

Dorothee Echter ist Topmanagement-Beraterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Dorothee Echter ist Topmanagement-Beraterin für international tätige Führungspersönlichkeiten

Das ist nicht einfach, denn scheinbar gibt man persönliche Sicherheiten auf. Andererseits können Sie selbst beobachten, was passiert, wenn Topmanager von ihren Werten und innersten Überzeugungen abweichen. Die Verführung beginnt im Kleinen, im scheinbar Banalen. Jemand findet 16-stündige Arbeitstage unvernünftig und macht dennoch mit. Eine Managerin ist überzeugt, dass der Aufsichtsrat sofort informiert werden muss, unternimmt aber nichts. Ein Dritter weiß genau, welche negativen Folgen es hat, zu kritisieren und andere abzuwerten, tut es aber dennoch. Mich bewegt sehr - und Sie spüren es auch - welche Folgen dieses Verhalten für den einzelnen und für das Unternehmen hat. Nämlich keine guten.

Dies ist die Zeit für Reflektion. An welchem Punkt sind Sie verführbar, Ihre Werte aufzugeben? Ist es Angst - wovor? Ist es Harmoniebedürftigkeit - wozu soll die gut sein? Ist es Erschöpfung - warum lassen Sie das zu? Sind es egoistische Motive, warum sind Ihnen diese plötzlich wichtiger als Ihre Ideale? Kann es sein, dass Sie sich schon allzu lange verbogen und resigniert haben?

Reflexion ist zwingend, eine Pause ist zwingend. Kommen Sie zu sich! Sie können nur für Arbeitsplätze, wirtschaftliches Überlegen und Ertrag kämpfen, wenn Sie auf Ihren innersten Überzeugungen aufbauen. Wenn alle um Sie herum sich darauf verlassen können. Was jetzt von Ihnen gebraucht wird, sind nicht Aktionen, sondern Orientierung. Seien Sie radikal, kompromisslos. Ein Topmanager, der im tiefsten Inneren Verschwendung hasst und Unternehmenswerte stets fest zusammenhalten will, der erlaubt niemandem tagelange, ergebnislose Meetings, nicht einmal seinem Aufsichtsrat. Duldet er dies, dann schwinden seine Kräfte, sein Einfluss und seine Reputation. Die innere Gewissheit ist radikal. Sie meldet sich immer, auch in Situationen, in denen die Karriere auf dem Spiel steht. Hier haben Topmanager/innen aber keine Wahl.

Selbstverständlich sind auch Zweifel, Abwägungen, Kompromisse und Zögern wertvoll. Innere Überzeugungen müssen mitunter geprüft, bestärkt oder korrigiert werden. Dazu legen Topmanager/innen Reflexionspausen ein und schauen systematisch nach innen, und zwar mit der gleichen Intensität, mit der sie ihre Entscheidungen und Aktionen auf das Unternehmen richten.

Die veröffentlichten Beiträge wurden nicht redigiert. HBM Online behält sich aber vor, Zuschriften zu kürzen.


Kommentar 3:

Liebe Frau Echter,

lange habe ich nach einer klugen Formulierung gesucht. Ich sage es einfach radikal: Sie sprechen mir mit jedem Satz aus dem Herzen. Ihre Erfahrungen decken sich zum großen Teil mit meinen.

Brigitte Melzig


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