Wie Fragen die Welt verändern können

Veranwortung:

Von Hal B. Gregersen
13. Juni 2017
Getty Images/EyeEm

Manche Fragen wirken wie eine Art Katalysator. Das heißt, sie erfüllen für den kreativen Problemlösungsprozess genau die gleiche Funktion wie Katalysatoren bei chemischen Prozessen: Sie räumen Barrieren aus dem Weg und ermöglichen schnellere Fortschritte auf produktiveren Wegen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Frage nach dem Wohlstandsdilemma, die in der Politik seit einiger Zeit heiß diskutiert wird und vor der so viele reife Volkswirtschaften stehen: Innovationen (vor allem im Bereich der Technologie) schießen wie Pilze aus dem Boden, und es werden ständig neue Werte geschaffen - doch nur einige wenige Menschen kommen in den Genuss des daraus erwachsenden Wohlstands, während es der großen Masse finanziell am Ende eher noch schlechter geht. Auch wenn beispielsweise alle Menschen vom freieren Informationsfluss durch das Internet profitieren, kann man mit Informationen allein weder seine Heizkostenrechnung bezahlen noch sich ein neues Getriebe für sein Auto kaufen. Zwar sind die Kosten für bestimmte Dinge wie Telefonate oder Fernsehgeräte eindeutig gesunken; doch dafür sind die Preise lebensnotwendiger Güter wie Nahrung und Wohnraum stark gestiegen.

Angesichts dieses schwer lösbaren globalen Problems frage ich mich: "Wie wäre es, wenn die Innovatoren dieser Welt sich zur Abwechslung einmal mit dieser Herausforderung beschäftigen würden? Wie können wir das Wirtschaftswachstum so gestalten, dass alle etwas davon haben?" Eine wichtige Frage, die, wie ich hoffe, ebenfalls Katalysatorfunktion erfüllt.

Viele Menschen versuchen auch bereits, sie zu beantworten. Zum Beispiel die MIT-Professorin Zeynep Ton mit ihren bahnbrechenden Ideen zu der Frage, "warum 'gute Jobs' auch gut fürs Geschäft sind". Oder die Erfinder von Initiativen wie I4J , einem alljährlich stattfindenden Gipfeltreffen, bei dem Silicon Valley-Technologen Innovationen entwickeln sollen, die mehr Arbeitsplätze schaffen. Fachzeitschriften wie das Journal of Management Studies weisen immer wieder darauf hin, dass wir neue Forschungsprojekte brauchen, die einen Wandel auf Unternehmensebene bewirken könnten. Doch eines der eindrucksvollsten Beispiele für diese neue Denkweise ist meines Erachtens die mittlerweile bereits ins zweite Jahr gegangene Inclusive Innovation Challenge des MIT: Im Rahmen dieser Initiative werden Geldpreise an einfallsreiche Unternehmen und Organisationen verliehen, die "mithilfe von Technologien unser Arbeitsleben neu erfinden und Menschen am untersten Ende der ökonomischen Hierarchie neue wirtschaftliche Chancen bieten".

Einer der Hauptgewinner des Jahres 2016 war ein Unternehmen, das geografisch gar nicht so weit vom MIT entfernt liegt, aber einer völlig anderen Branche angehört: ein Bekleidungshersteller namens 99Degrees Custom. Diese Produktionsfirma ist in der historischen Everett Mill in Lawrence (Massachussetts) untergebracht, die von dem Unternehmen nicht zu Unrecht als "Wiege der industriellen Revolution der USA" bezeichnet wird. Obwohl wir mitten in einer neuen technologischen Revolution des 21. Jahrhunderts stecken, werden hier keine Arbeitskräfte durch Maschinen überflüssig gemacht. Ganz im Gegenteil: Durch Einsatz von Robotik, schlanken Prozessen und agilen Systemen schuf 99Degrees Custom neue Arbeitsplätze, an denen mit "nahtfreien und tragbaren Technologien, On-Demand-Herstellung und blitzschnellen Entwicklungs- und Produktionszyklen gearbeitet wird". "Man hört immer wieder, wie viele Menschen Angst davor haben, dass ihre Arbeitsplätze von Maschinen übernommen werden und dass Roboter sie früher oder später in den wirtschaftlichen Ruin treiben werden", erklärte Unternehmensgründerin Brenna Schneider kürzlich in einem Interview mit The Boston Globe. "Aber ich sehe das ganz anders: Maschine und Mensch lassen sich sehr gut miteinander in Einklang bringen."

Ich war schon immer überzeugt davon, dass man Dinge, die man fördern möchte, honorieren muss. Und genau das tut die Inclusive Innovation Challenge mit ihren Preisverleihungen. Aber geschickt gesetzte Anreize bewirken noch viel mehr. Ob es nun die Innovationsplattform von Open IDEO ist, die Menschen permanent dazu anspornt, sich neue Lösungen einfallen zu lassen, die Hyperloop-Challenge von Elon Musk oder die alljährlich stattfindenden fantastischen XPRIZE-Wettbewerbe von Peter Diamandis (um nur ein paar Beispiele zu nennen): Das Erfolgsrezept all dieser Initiativen besteht darin, eine provokative Frage zu stellen und allen Menschen, die eine Antwort darauf wissen, unvoreingenommen Tür und Tor zu öffnen. Dank der dadurch freigesetzten kreativen Energie gibt es bei solchen Wettbewerben nicht nur einen Gewinner, sondern sie motivieren ein breites Spektrum verschiedenster Menschen dazu, sich auf die Suche zu begeben. So entsteht im Handumdrehen die kollektive Überzeugung, dass eine Lösung gefunden werden muss.

Peter Drucker hat schon lange vor mir erkannt, welch positives Veränderungspotenzial Fragen innewohnt: Sie sind der Motor, der uns der Bewältigung wichtiger Herausforderungen näherbringt. "Die schlimmsten Fehler entstehen nicht aus den falschen Antworten", hat er einmal gesagt. "Die einzig wirkliche Gefahr besteht darin, die falsche Frage zu stellen." (Und da ich in erster Linie Unternehmenskunden berate, trifft auch dieser Ausspruch Peter Druckers den Nagel auf den Kopf: "Meine größte Stärke als Berater besteht darin, nichts zu wissen und einfach nur ein paar Fragen zu stellen.") Ich glaube, wenn Drucker noch am Leben wäre, würde er dieses Dilemma - wie können wir nicht nur für Wachstum sorgen, sondern auch sicherstellen, dass alle etwas davon haben? - sicherlich für eine der wichtigsten Fragen unserer heutigen Zeit halten. Denn über diese Frage kann sich jeder Gedanken machen, und vielleicht lässt sie sich auch tatsächlich nur dann beantworten, wenn alle Menschen sich dafür engagieren, eine Lösung zu finden. Letzten Endes ist Führen durch Fragen ja auch inklusives Führen. Und wäre es denn nicht nur recht und billig, wenn die wichtigste Frage unserer Gesellschaft über Inklusion sich nur durch Inklusion beantworten ließe?


Sozial und Profitabel - Das geht

Von Mark R. Kramer, Marc W. Pfitzer

HBM-Beitrag als PDF, 12 Seiten

Zur Leseprobe

Zur Person

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von Beiträgen, die wir im Vorfeld des Global Drucker Forum 2017 in Wien veröffentlichen. Das Thema der Konferenz in diesem Jahr lautet "Wachstum und Wohlstand für alle".

Artikel
© Harvard Business Manager 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Nach oben