Zeitlose Ratschläge für schwierige Entscheidungen

29. September 2016
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3. Teil: Tragödie oder Statistik

Diese Frage zu stellen, ist sehr sinnvoll; doch unsere moralische Vorstellungskraft zum Leben zu erwecken, ist gar nicht so einfach - ein weiterer Grund, warum Prozesse (auf die richtige Art und Weise mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten und durch sie zu wirken) so wichtig sind. Deshalb müssen Manager und Teams, die mit Grauzonenproblemen zu kämpfen haben, sich aus dem begrenzten Umfeld ihres jeweiligen Unternehmens herauswagen und direkt mit den Menschen sprechen, auf deren Leben und Lebensunterhalt ihre Entscheidung sich auswirken wird - oder mit Menschen, die ihnen diese Erfahrung auf sehr direkte, konkrete, eindrucksvolle Art und Weise darstellen können. Wer keinen Weg dazu findet, der wird vielleicht unbewusst und ungewollt nach Joseph Stalins Devise "Der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, der Tod von Millionen eine Statistik" handeln, sein Herz gegen die Nöte und Leiden einzelner Menschen verhärten und sein Augenmerk nur auf statistische Zahlen richten.

Stattdessen können Sie natürlich auch jemanden bitten, in die Rolle des Außenseiters und Opfers zu schlüpfen und Ihnen diese Perspektive so lebhaft und überzeugend wie möglich vor Augen zu führen, damit alle Personen, die an dem Entscheidungsprozess beteiligt sind, wenigstens eine Version der dringlichsten Grundbedürfnisse der Menschen zu hören bekommen, auf die diese Entscheidung sich vermutlich auswirken wird. Mit dieser Vorgehensweise sorgen Sie dafür, dass bei jeder Besprechung ein "Barbar" dabei ist - jemand, der unbequeme Wahrheiten klar und deutlich (und mit der gebührenden Eindringlichkeit) ausspricht.

All diese Strategien helfen uns dabei, unsere moralische Vorstellungskraft zum Leben zu erwecken. Im Grunde ermahnen sie uns: Bilde dir nicht ein, dass deine Position innerhalb der Gesellschaft oder eines Unternehmens dich von deinen elementaren menschlichen Verpflichtungen befreit. Schau über den Tellerrand deiner eigenen Interessen, Erfahrungen, Werturteile und Sichtweisen hinaus. Tu, was du kannst, um deinem egozentrischen Gefängnis zu entfliehen. Versuche dich (sowohl allein als auch gemeinsam mit anderen Menschen) in die betreffende Person hineinzuversetzen und dir vorzustellen, wie du dich in dieser Lage fühlen würdest: "Was würde ich in dieser Situation wirklich brauchen, was würde ich mir besonders dringend wünschen?"

Bei diesem Blogbeitrag handelt es sich um einen Auszug aus dem Harvard Business Review Press-Buch Managing in the Gray: Five Timeless Questions for Resolving Your Toughest Problems at Work.

Zum Autor
Joseph L. Badaracco ist John Shad-Professor für Unternehmensethik an der Harvard Business School, wo er Kurse zum Thema Führen, Strategie, Unternehmensverantwortung und Management gibt. Er hat auch Bücher zu diesen Themen verfasst, z.B. den New York Times-Bestseller Leading Quietly (Lautlos führen: Richtig entscheiden im Tagesgeschäft), Defining Moments (Manager zwischen gut und richtig) und sein neuestes Buch Managing in the Gray (HBR Press, 2016).
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