Zeitlose Ratschläge für schwierige Entscheidungen

29. September 2016
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2. Teil: Eine uralte Frage

Dafür gibt es eine sehr pragmatische Vorgehensweise: Sie müssen sich einfach nur ein bisschen Zeit nehmen, eine uralte Frage zu beantworten. Diese Frage wurde von dem alten hebräischen Philosophen und Theologen Hillel dem Älteren formuliert. Dieser Rabbi unterhielt sich einmal mit einem Mann, der bereit war, zum Judentum zu konvertieren - aber nur unter einer Bedingung: dass Hillel es schaffe, ihn die ganze Thora zu lehren, während er auf einem Fuß stehe. Für Hillel überhaupt kein Problem: "Was dir zuwider ist, das tu' auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora und alles andere ist nur die Erläuterung, geh' und lerne sie!", forderte er den Mann auf.

Das Wort, auf das es hierbei ankommt, ist "zuwider". Hillel möchte, dass wir uns fragen, was uns wirklich dringend und aus tiefster Seele am Herzen läge, wenn wir uns in der Lage eines anderen Menschen befänden. In der Praxis bedeutet dies, dass wir nach konkreten Methoden suchen müssen, um das herauszufinden. "Was würde ich denken und empfinden, wenn ich zu den Leidtragenden gehörte, die diese Entscheidung am schwersten trifft?" Versuchen Sie sich vorzustellen, wie Sie reagieren würden, wenn Ihre Eltern oder Kinder oder andere Menschen, die Sie lieben, sich in einer so verletzlichen Position befänden. Und stellen Sie diese Fragen nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen.

Die volkstümlichere Version von Hillels Handlungsempfehlung ist die Goldene Regel: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu." Im Westen halten die meisten Menschen dieses Gebot für eine christliche Lehre, und die christliche Religion schreibt es wiederum Predigten zu, die gelegentlich in manchen Gotteshäusern gehalten wurden. Doch diese Sichtweise wird der Tragweite der Frage, die wir uns nach Meinung von Rabbi Hillel stellen sollen, nicht gerecht. Die Goldene Regel ist nicht einfach nur ein christliches Gebot. In fast allen größeren Religionen gibt es irgendeine Variante dieses Prinzips. Manche Philosophen halten die Goldene Regel sogar für ein Fundament wichtiger Moraltheorien. Und auch in vielen alltäglichen Praxisempfehlungen zu moralischem Verhalten klingt diese Regel durch, zum Beispiel in dem Rat der amerikanischen Ureinwohner, "einmal eine Meile in den Schuhen des anderen Menschen zu gehen".

Die Goldene Regel als Sonntagspredigt abzutun, statt sie als fast schon universale humanistische Erkenntnis zu begreifen, ist ein großer Fehler. Die moralische Vorstellungskraft, auf die ich gleich noch näher eingehen werde, ist im Grunde genommen eine weltliche Version dieses Prinzips. Und Hillels Formulierung dieser Frage - was Ihnen "zuwider" wäre - hat einen großen Vorteil: Sie hat inzwischen immerhin zwei Jahrtausende überdauert, weil sie unsere moralische Vorstellungskraft aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Sie drängt uns dazu, uns fantasievoll und einfühlsam in die Erfahrungswelt anderer Menschen hineinzuversetzen, damit wir verstehen, was unsere menschlichen Grundverpflichtungen in einer bestimmten Situation von uns verlangen.

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