Warum nächtliche E-Mails schaden

Produktivität:

Von Maura Thomas
5. Mai 2015
Corbis

Gegen 23 Uhr fällt Ihnen plötzlich ein, dass Ihre Mitarbeiter für ein zurzeit laufendes Projekt noch etwas Wichtiges erledigen müssen. Spontan schreiben Sie eine E-Mail an die Mitarbeiter in Ihr Smartphone und tippen auf "Senden".

Nach dem Motto: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen…

Falsch gedacht! Als Produktivitätstrainerin mit dem Schwerpunktgebiet Aufmerksamkeitsmanagement erlebe ich seit zehn Jahren immer wieder, welch ungesunde Hektik solche Mails nach Feierabend in einer Firma verbreiten - und wie sehr Kreativität, Innovation und echte Produktivität darunter leiden.

Wenn Sie so etwas öfter tun, versäumen Sie die Chance, Abstand von Ihrer Arbeit zu gewinnen - doch diese Distanz ist für den Perspektivenwechsel, den Sie als Führungskraft benötigen, enorm wichtig. Und nicht nur das: Wenn der Chef arbeitet, haben die Mitarbeiter natürlich das Gefühl, das Gleiche tun zu müssen.

Überlegen Sie sich, was für eine Botschaft Sie den Mitarbeitern mit Ihrer E-Mail vermitteln möchten. Sollen sie sofort darauf antworten? Oder haben Sie die Mail einfach nur losgeschickt, weil Sie gerade daran dachten und die Sache erledigen wollten, ehe Sie sie vergessen? Falls Sie eine sofortige Antwort erwarten, fesseln Sie Ihre Mitarbeiter rund um die Uhr ans Büro, und zwar mit voller Absicht. Falls nicht, tun Sie dies zumindest unabsichtlich. Und das ist weder für Sie noch für Ihre Mitarbeiter noch für die Unternehmenskultur gut. Wer in arbeitsreichen Zeiten auch nach Feierabend noch erreichbar ist, zeigt, dass er ein leistungsstarker Mitarbeiter ist. Wer niemals abschaltet, ist ein Workaholic. Und das ist ein großer Unterschied.

Unabhängig von der Absicht, die Sie damit verfolgen, weiß ich aus meiner Erfahrung mit Hunderten von Unternehmen, dass die Gewohnheit, nachts noch E-Mails zu verschicken, leicht vom Chef auf sein Team übergreift. Und zwar aus zwei Gründen:

1. Ehrgeiz. Wenn der Chef spätabends oder am Wochenende noch E-Mails schickt, glauben die meisten Mitarbeiter, dass eine sofortige Antwort erwartet wird - oder dass sie ihren Vorgesetzten zumindest beeindrucken können, indem sie gleich darauf reagieren. Selbst wenn anfangs nur ein paar Mitarbeiter dieser Meinung sind, kann sie sich mit der Zeit leicht auf das ganze Team übertragen. Dazu genügt schon eine beiläufige Erwähnung in einer Besprechung: "Als ich gestern Abend Ihre Antwort auf meine E-Mail las…" Schließlich möchte jeder dem anderen karrieremäßig gern um eine Nasenlänge voraus sein.

2. Aufmerksamkeit. Viele Menschen haben gar nicht die Absicht, zu "arbeiten", wenn sie nicht an ihrem Arbeitsplatz sitzen. Aber Aufmerksamkeitsmanagement ist eben leider nicht jedermanns Stärke. Solche Mitarbeiter haben sich inzwischen schon so sehr ans Multitasking und an die ständigen Ablenkungen gewöhnt, dass ihre Finger wie von selbst auf den Icons ihres Smartphones herumtippen und E-Mails, SMS und Twitter- oder Facebook-Seiten aufrufen. Mit Ihren nächtlichen Nachrichten bestärken Sie solche Mitarbeiter noch in dieser schlechten Angewohnheit.

Ständig online zu sein, ist den Arbeitsergebnissen eher abträglich. Mitarbeiter, die auch nach Feierabend immer wieder ihre E-Mails checken - ob sie nun befürchten, wichtige Nachrichten von Ihnen zu verpassen, oder einfach nur süchtig nach ihrem Computer oder Smartphone sind -, versäumen die für ihr Gehirn so wichtigen Ruhepausen. Experimente zeigen, dass wir solche Phasen der geistigen Entspannung brauchen, um Spitzenleistungen erbringen zu können. Nur wer sich hin und wieder Abstand von seiner Arbeit gönnt, kommt wieder auf neue Ideen und Erkenntnisse. Wenn Ihre Mitarbeiter dauernd nach ihrem Smartphone greifen, um zu sehen, ob wieder eine E-Mail von Ihnen gekommen ist, können sie nicht abschalten. In der Kreativität, Inspiration und Motivation Ihres Teams liegt Ihr Wettbewerbsvorteil; doch diese Ressourcen sind nicht unerschöpflich, sondern müssen immer wieder erneuert werden. Das gilt übrigens nicht nur für Ihre Mitarbeiter, sondern auch für Sie selbst. Es lohnt sich also durchaus, Ihre Kommunikationsgewohnheiten einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Als Führungskraft können Sie verhindern, dass ungesunde Vorstellungen über die Notwendigkeit ständiger E-Mail- oder sonstiger Kommunikation in Ihrer Firma um sich greifen.

Seite
1
2
Artikel
Kommentare
0
Diskussionsregeln

Wir freuen uns über lebendige, konstruktive und inspirierende Diskussionen auf HBM Online. Um die Qualität der Debattenbeiträge sicherzustellen, werden unsere Moderatoren jeden Beitrag prüfen. Eine Nutzung der Kommentarfunktion zu kommerziellen Zwecken ist nicht erlaubt. Beiträge mit vorwiegend werblichem, strafbarem, beleidigendem oder anderweitig inakzeptablem Inhalt werden von unseren Moderatoren gelöscht.

© Harvard Business Manager 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
ANZEIGE
Die neuesten Blogs
Nach oben