Was schon Peter Drucker über das Jahr 2020 wusste

Führung:

Von Rick Wartzman
14. November 2014
Getty Images

Als PwC die Ergebnisse seiner alljährlichen CEO-Umfrage für das Jahr 2014 veröffentlichte, sprang den Lesern sofort ins Auge, dass an den Unternehmensspitzen zurzeit intensiv über Veränderungen nachgedacht wird: "Wenn CEOs ihre Strategien zur Nutzung tiefgreifender Veränderungen planen", berichtet die Unternehmensberatung, "bewerten sie gleichzeitig auch ihre jetzigen Kompetenzen - und stellen dabei fest, dass sie sich eigentlich in jeder Hinsicht neu erfinden müssen."

Und das ist auch kein Wunder.

"In der Geschichte unserer westlichen Welt ist es bisher alle paar hundert Jahre zu einer tiefgreifenden Wandlung gekommen", stellt Peter Drucker in einem Essay für den Harvard Business Review aus dem Jahr 1992 fest. "In solchen Zeiten gestaltet sich die ganze Gesellschaft innerhalb von Jahrzehnten vollständig um - ihre Weltsicht, ihre Grundwerte, ihre sozialen und politischen Strukturen, ihre Kunst und ihre wichtigsten Institutionen. 50 Jahre später ist eine neue Welt entstanden. Und die Menschen, die in diese Welt hineingeboren werden, können sich die Welt, in der ihre Großeltern lebten und ihre Eltern aufwuchsen, nicht einmal mehr vorstellen. Unser heutiges Zeitalter ist so eine Wandlungsphase."

Nach Druckers Einschätzung wird die neueste dieser neuen Welten vor allem durch einen vorherrschenden Faktor geprägt sein: "Die Entwicklung zu einer Wissensgesellschaft".

Drucker hat diesen Quantensprung - den Anbruch eines neuen Zeitalters, in dem Wertschöpfung eher durch Gehirn- als durch Muskelarbeit entsteht - also tatsächlich vorausgesehen, und zwar mindestens seit dem Jahr 1959, als er in seinem Buch Landmarks of Tomorrow ( Das Fundament für morgen) erstmals den Aufstieg der "Wissensarbeit" beschrieb. 30 Jahre später war Drucker bereits fest davon überzeugt, dass Wissen eine wichtigere ökonomische Ressource darstellt als Land, Arbeit oder finanzielle Vermögenswerte - eine Tatsache, die seiner Meinung nach zur Entstehung der "postkapitalistischen Gesellschaft" geführt hat. Kurze Zeit später (und nicht lange vor seinem Tod im Jahr 2005) erklärte Drucker, die Erhöhung der Produktivität von Wissensarbeitern sei "das wichtigste Ziel, welches das Management im 21. Jahrhundert erreichen muss".

Doch wenn man bedenkt, wie die meisten unserer Institutionen heutzutage geführt werden, gewinnt man leider den Eindruck, dass wir nach wie vor Mühe damit haben, uns auf die neue Realität einzustellen, die Drucker uns prophezeit hat. Wie sollen Manager ihre Vorgehensweise ändern, um dem neuen Wissenszeitalter gerecht zu werden? Hier sechs wichtige Gesichtspunkte, die man bei der Führung eines Unternehmens vor allem berücksichtigen sollte:

Finden Sie heraus, was für Informationen Sie benötigen. "Wissensarbeiter brauchen Informationen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können", schreibt Drucker. Das gilt insbesondere für Führungskräfte. Das Problem ist nur: Selbst in einer eng vernetzten Welt, in der wir uns mit einem Tastendruck Unmengen von Daten beschaffen können, verlassen viele Manager sich immer noch auf die Produzenten dieser Daten - die Erbsenzähler, die Vertriebsleute, die IT-Abteilung. Diese Mitarbeiter müssen ihnen die Zahlen präsentieren, die sie für besonders relevant halten. Und diese Leute haben leider nicht unbedingt viel Ahnung davon. Eine Umfrage von McKinsey aus dem Jahr 2014 hat beispielsweise ergeben, dass noch nicht einmal 20 Prozent aller IT-Mitarbeiter glauben, genau zu wissen, wie sie ihrem Unternehmen mit ihrer Arbeit am meisten nützen können. "Ein adäquates Informationssystem", schreibt Drucker, darf den Managern eines Unternehmens "nicht einfach nur die Informationen vorsetzen, die sie erwarten", sondern muss sie dazu bringen, "die richtigen Fragen zu stellen. Das setzt zunächst einmal voraus, dass die Manager wissen, was für Informationen Sie benötigen."

Merzen Sie alles aus, was nicht mehr zeitgemäß ist. Fast jeder Manager möchte gerne Innovationen in seinem Unternehmen sehen. Doch unsere Arbeit am Drucker Institute zeigt, dass es den meisten Führungskräften widerstrebt, den notwendigen ersten Schritt in diese Richtung zu gehen: nämlich alle Produkte, Dienstleistungen, Programme und Vorgehensweisen, die eigentlich nichts mehr bringen, kontinuierlich abzubauen. "Jedes Unternehmen wird lernen müssen, [permanent] innovativ zu sein", schrieb Drucker. "Irgendwann muss man sich natürlich auch wieder von einer obsolet gewordenen Innovation trennen, und dann beginnt der ganze Prozess von vorn. Wenn man das nicht tut, wird die wissensbasierte Organisation sehr bald veralten, ihre Leistungsfähigkeit einbüßen und dann auch nicht mehr die qualifizierten, sachkundigen Mitarbeiter anziehen und halten können, von denen ihre Performance abhängt."

Geben Sie Ihren Mitarbeitern so viel Eigenverantwortung wie möglich. Mit der Einführung seines "Management by Objectives"-Konzepts schärfte Drucker Führungskräften bereits im Jahr 1954 ein, auch die Mitarbeiter der untersten Unternehmensebenen an Entscheidungsprozessen zu beteiligen und zur Rechenschaft zu ziehen. Und doch gibt es viele Beweise dafür, dass die meisten Unternehmen nach wie vor Paradebeispiele für das alte "Command-and-control"-Prinzip sind. In einer wissensbasierten Wirtschaft wirkt sich dieses Top-down-Führungskonzept besonders nachteilig aus, weil die Mitarbeiter in so einem Umfeld zwangsläufig mehr über ihr Fachgebiet wissen als ihre Vorgesetzten. Und vielleicht wissen sie auch mehr über die Kunden und deren Wünsche und Bedürfnisse. "Wissensarbeiter müssen sich selbst managen", empfiehlt Drucker. "Sie brauchen Autonomie."


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Kommentare
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MarcoHass 19.11.2014

Wunderbarer Artikel mit visionären Gedanken. Doch ein einziger "Drucker" kann auch nicht alles wissen. Wie zukünftige Manager mit Wissensarbeitern und Informationssystemen umgehen sollen haben wir erfahren. Doch das ist sozusagen "nur" die Mitte. Was ist mit Visionären und Vordenkern? Könnten (oder müssten?) diese sich in gleicher Weise führen, austauschen oder managen? Nach meiner Wahrnehmung konzentrieren sich Visionäre, Vordenker und "Gurus" noch zu sehr auf ihr eigenes "Spezialgebiet" während sie Offenheit und holistische Herangehensweisen von anderen verlangen. Ja gerade die wissenschaftlichen Fakultäten die Offenheit predigen, scheinen dann doch nur die eigene, propagierte Offenheit zu tolerieren. 2020 ist für mich ein zu sportliches Ziel. (wenn gleich es sympathisch wäre)

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